Ich bin satt. Ich bin bis Oberkante-Unterlippe voll mit Ernährungsratschlägen, die sich jährlich pünktlich zur „Bikini-Vorbereitungssaison“ durch diverse Medien in meinen Kopf schleichen. Noch eine Ernährungsweisheit mehr und ich kotze sämtliche kalorienarme, paleo, low-carb und Rohkost-Rezepte wieder aus. 

Welche Mengen wir von welchen Lebensmitteln zu welcher Tageszeit essen, ist längst eine niemals endende Titelstory von unzähligen Frauenzeitschriften geworden. Ich meine damit nicht, dass ich Salat doof finde und mich den ganzen Tag nicht bewegen will. Ich habe es einfach satt, jedes Jahr einen neuen heiligen Gral der „wie werde ich fitter, leistungsstärker, wacher und schlanker“-Endlosschleife präsentiert zu bekommen. 

All diese Ernährungstrends haben eine Gemeinsamkeit. Ihr gemeinsames Versprechen lautet: sobald du so isst und so lebst, kannst du endlich sein, wie du immer sein wolltest! Du wirst nach außen strahlen und in deine beste Form kommen. Der Wohlfühlkörper für absolute Sorgenfreiheit ist in greifbarer Nähe!

Diese Aussicht auf das langersehnte Happy End mit unserem Selbst ist ein echter Festtagsschmaus für die Seele. Er wähnt uns in Sicherheit und gibt uns die nötige Motivation für die ersten paar Wochen Ernährungsumstellung. Schauen wir uns dieses Schema jedoch genauer an, stellen wir schnell fest, dass hier an bereits bekannte Muster angeknüpft wird. Egal um welche Diät oder Ernährungsform es geht, alle teilen die Eigenschaft, dass sie Lebensmittel in „gut“ und „schlecht“ einteilen. Dabei führen sie eine mentale Liste in unseren Köpfen fort, die wir dort bereits als Kinder angelegt haben!  

Wir alle haben gelernt: Süßigkeiten sind ungesund und verursachen Karies. Sie sind „schlecht“ für uns. Spinat, Äpfel und Vollkornbrot sind voll mit Vitaminen und Ballaststoffen. Sie sind „gut“ und lassen uns groß und stark werden. Jede gute Regel hat natürlich auch Ausnahmen. So bekam ich bei langen Autofahrten ein Milchbrötchen in die Hand gedrückt, wenn ich anfing zu quengeln. Hatte ich mein Mittagessen aufgegessen, wartete ein leckerer Schokopudding im Kühlschrank und war ich nach einem Streit mit meinen Geschwistern traurig, bekam ich einen Keks. Ich war beschäftigt und vergaß den Grund für meinen Heulkrampf.

Durch diese Regeln lernte ich, dass die Lebensmittel der „guten“ Liste mich so alt und schlau wie meine Großeltern machten und dass die der „bösen“ Liste mich krank werden ließen. In Ausnahmen können sie mich aber trösten, mich beschäftigen und ich durfte mich selbst mit ihnen belohnen. Ich lernte, was meine Seele zum Glücklich-sein brauchte und mit was ich sie füttern müsse. Genial!

Der Nachteil dieses Vermischens von Lösungsstrategien von körperlichen und seelischen Bedürfnissen ist jedoch diese kleine, nervige Stimme im Kopf. Neunmalklug wedelt sie mit der Liste der „schlechten“-Lebensmittel und predigt die bevorstehenden Folgen. Sie sagt:  Du wirst dick und unattraktiv, sodass dich niemand mehr mag.

Viel zu oft hörte ich auf meine innere Kritikerin, schrieb mir Ernährungspläne, wog jedes Salatblatt ab und quälte mich, nach einem langen Tag abends nichts mehr zu essen. Immerhin war es schon nach 18 Uhr. Morgens absolvierte ich mein Workout, verzichtete auf die Milch im Kaffee und irgendwann ersetzte ich ihn sogar durch bloßes, heißes Wasser. Für mein Chi, versteht sich. Doch es dauert nicht lange und mein wackliges „healthy lifestyle“-Gerüst brach in sich zusammen. Ich aß eine Handvoll Erdbeeren am Abend und überschritt damit erstens mein Essens-Zeitlimit und zweitens die maximale Menge an Kohlenhydraten. Ich war wütend auf meine fehlende Disziplin und machte mir bereits Gedanken, wie ich mich dafür nun bestrafen könnte. Irgendwann müsste ich es doch mal lernen! Als mein damaliger bayrischer Mitbewohner mein Essverhalten mit einem „Soch e mol. Bischt denn du eigentlich deppert?“ kommentierte, mich verständnislos und auch ernsthaft besorgt anschaute, hinterfragte ich das erste Mal den Sinn dieser ganzen Strapazen: Was wäre, wenn ich es einfach alles lasse? Wenn ich mal auf meinen Körper höre und schaue, was er mir sagt? Vielleicht weiß er besser, wann er was essen möchte. So unsicher ich mit diesen Gedanken auch war, eins stand fest: Ich hätte keine Lust mehr auf das ständige schlechte Gewissen und ich hatte auch keine Lust mehr, jedes Jahr einem neuen Ernährungstrend hinterherzujagen. 

Ich begann zu hinterfragen, was ich wirklich brauchte. Ich hörte endlich in mich hinein und erkannte, dass meine Langeweile durch Trägheit entstand, die weder durch Schokoriegel noch durch einen Apfel verschwindet. Genauso wenig tröstet mich Eiscreme bei Liebeskummer oder spendet mir Hoffnung, wenn ich die Orientierung im Berufsdschungel verloren habe. Ein Sahnepudding am Abend ist auch eigentlich keine Belohnung, wenn Körper und Geist den ganzen Tag hoch konzentriert gearbeitet haben.

Um zu lernen, intuitiv zu essen und wieder mehr Liebe in meine Essenroutine zu stecken, musste ich mir zunächst über die komplette mentale Liste, mit all ihren Regeln und Ausnahmen, bewusstwerden. Ich stellte mir folgende Fragen: Wie denke ich über Essen? Was sind meine Glaubenssätze? Warum esse ich zu einer bestimmten Uhrzeit welche Lebensmittel und wie fühle ich mich danach? Was verbiete ich mir zu essen oder zu trinken, weil es „nicht gut“ ist?

Als nächstes forschte ich nach den Ursachen und dachte darüber nach, was ich als Kind über Essen von Schule, Eltern & Co. gelernt habe: Wie wurde in der Kindheit mit Essen umgegangen? Wann habe ich was gegessen? Gab es „verbotene“ Lebensmittel? Wenn ja, warum? Gab es Ausnahmen? Musste ich meinen Teller immer aufessen? Was passierte, wenn ich gute Noten hatte, ich traurig war oder in der Warteschlang quengelte?

Durch diese Rückblicke lernte ich, dass ich nicht schuld an dem Chaos in meinem Kopf bin. Es ist das Gelernte aus meiner Kindheit, das ständig mit neuen Informationen aus den Medien gefüttert wird. Essen ist ein körperliches Bedürfnis und wir können unsere Seele nicht mit Lebensmitteln füttern. Es gibt keine „guten“ und „schlechten“ Lebensmittel. Ich allein bin dafür verantwortlich, was ich wann esse und wie ich mich danach fühlen möchte. Ich habe die Kontrolle über mich und mein Körper und ich, nur ich alleine, darf entscheiden, was gut für mich ist. 

Lasst uns unsere mentalen Listen schreddern und mit den Schnipseln ein Freudenfeuer der Selbstliebe und Achtsamkeit entfachen. Das Leben ist zu kurz, um den Bauch einzuziehen.