Weil es mir erst jetzt wichtig genug ist

Weil es mir erst jetzt wichtig genug ist

Wer bin ich eigentlich ohne meine Termine? Meine Verpflichtungen? Meine To Dos? Meine Ansprüche? Wer bin ich, wenn ich alleine bin? Ohne Druck und dem Gefühl, dass alle von außen schauen, bewerten und vielleicht sogar verurteilen? Wer bin ich? Wie viel von dem Leben, das ich lebe, bin ich?

Als ich mir diese Frage vor ungefähr einer Woche stellte, kam ich zu einem niederschmetternden Ergebnis. Mein Leben hat nur noch sehr wenig mit mir zu tun. Ich erkenne mich darin kaum noch. Ich komme zwar meinen Aufgaben nach, entspreche dem gängigen Bild einer Mutter, Ehefrau und Freundin, fühle mich aber schon lange nicht mehr danach. Und das, so hart wie es auch klingen mag, ist der einzige Weg, um daran überhaupt etwas ändern zu können. Die Einsicht, dass etwas nicht stimmt. Dass es zwar ganz wunderbar ist, wenn alle mit dir zufrieden sind und du abends mit dem Gefühl einschlafen kannst, alles „richtig“ gemacht zu haben, aber dass das alles nichts mehr bringt, wenn du irgendwann leer bist. Und ich bin leer.

So leer, dass ich im Supermarkt fast angefangen habe zu weinen, als mich ein Mann aus Versehen (!!!) mit seinem Einkaufswagen rammte. So leer, dass ich abends weinend einschlief und tagsüber nicht mehr aufstehen wollte. Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit. Und das alles, weil ich ständig „Ja“ zu Anderen und „Nein“ zu mir sage. Das Problem dabei: das alles war mir bis zu all diesen Symptomen gar nicht bewusst. Klar, ich habe gespürt, dass ich mal wieder etwas nur für mich tun sollte. Schreiben, lesen, malen. Irgendetwas. „Aber na ja, mach‘ ich dann, wenn wieder etwas mehr Luft ist. Und so wichtig ist das jetzt erst einmal nicht. Die anderen schaffen das ja auch alles. Schaffen sogar noch viel mehr als ich. Augen zu und durch, ich stell‘ mich jetzt nicht so an.“

Wann habe ich eigentlich angefangen, meinen Körper dazu zu zwingen, meine seelischen Bedürfnisse zu übergehen? Warum dachte ich irgendwann, dass es mir mehr dient, etwas zu tun, was sich für mich gar nicht richtig anfühlt?

Wir denken oft, dass wir übertreiben würden, wenn wir unserem müden Körper nachgeben und schlafen, obwohl noch so viel zu tun ist. Wir glauben, dass es schon ok ist, diese Kleinigkeit und jene Kleinigkeit zu tun, um Ärger aus dem Weg zu gehen, obwohl wir das eigentlich gar nicht wollen. Auf manche Sachen haben wir uns schon ewig gefreut. Und das dann absagen oder verschieben, nur weil man sich ein bisschen krank fühlt? Wir überhören, übergehen, überschätzen uns jeden Tag. Und das alles, um unserem Lebenstempo noch irgendwie gerecht zu werden. Um mithalten zu können. Um all das mitzunehmen, was uns wichtig erscheint.

„Schlafen kann man, wenn man tot ist“ oder so. 

Viele von uns empfinden das so. Denn wir alle wollen Teil eines Ganzen sein, wir wollen etwas Schaffen. Brauchen das Gefühl, wichtig und nützlich zu sein. Wollen Leben, Aufregung, Bewegung. Aber es ist wie immer: ohne Balance wird es uns schlecht gehen. Und deshalb sage ich heute: es geht mir schlecht. Das ist ok. Es geht mir schlecht und jetzt tue ich etwas dagegen. Sofort. Und stelle fest, dass ich mir oft einfach nur selbst im Weg stand.

Die Schamanen fragen einen Patienten, der mit seelischen Beschwerden zu ihnen kommt, zuallererst immer: „Wann hast du aufgehört zu tanzen? Wann hast du das letzte Mal gesungen? Wann haben erzählte Geschichten ihren Zauber verloren? Wie lange ist es her, dass du Erholung im Land der Stille gefunden hast?“ Ich drehe nun also mehrmals am Tag die Musik auf, schließe die Augen und tanze, als wäre ich auf einem anderen Stern. Das habe ich lange nicht gemacht, weil ich das für eine kindliche Spielerei hielt, die in meinem Alltag keinen Platz hat. Albern kam es mir vor. Jetzt aber freuen sich meine Kids genau so darüber wie ich. Wir lachen uns kaputt. Ich singe im Auto und in der Dusche. Ganz bewusst. Manchmal zwinge ich mich sogar dazu. Lasse die Ernsthaftigkeit gehen, von der ich dachte, dass ich sie so dringend bräuchte, um effizient zu sein und stelle das Gegenteil fest. Ich fühle. Versuche, weniger zu denken. Ich fange wieder an zu lesen, lasse mich inspirieren und meditiere. Noch kann sich mein Kopf nicht so darauf einlassen, aber es wird besser und besser. Der Platz für mich ist da, er war es schon die ganze Zeit. Aber erst jetzt kann ich es erkennen. Weil es mir erst jetzt wichtig genug ist.

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Ablehnung ist normal

Ablehnung ist normal

Ich gebe es ungern zu, weil ich so sehr dagegen ankämpfe, aber: ich habe Ablehnung erhalten und bin damit alles andere als cool umgegangen. Obwohl wir doch alle wissen,  dass Ablehnung dazugehört und sich auch nie ganz vermeiden lässt. „Wir können nicht alle Menschen glücklich machen und sollen das auch gar nicht.“ Ja, klar. Was mich daran stört  ist deshalb, dass mich diese Ablehnung sehr verletzt und wütend gemacht hat. Sie hat  starke Emotionen ausgelöst. Und das, obwohl ich da eigentlich so gekonnt drüber stehe. Meistens jedenfalls. Sie ging diesmal sogar von jemandem aus, der unwichtiger nicht sein könnte. Es war jemand, den ich nicht mal kenne. Jemand aus dem Internet. Er teilte mir mit, dass ich eklig sei und fragte, wieso ich ein Bild zeige, dass ausgerechnet jemanden wie  mich halbnackt präsentiert.

Das Ironische dabei ist, dass ich Fremde auf Social Media Plattformen immerzu ermutige, meine Freundinnen, meinen Mann und allen voran meine Kinder. Ich ermutige sie, zu sich zu stehen. Sich zu lieben. Anzuerkennen, dass gerade ihre vermeintlichen Makel dazu führen, dass sie perfekt sind. Und doch stand ich selbst da und ließ mich von einem „Troll“ entmutigen. Kam mir unzureichend vor. Weniger schön. Das ärgert mich! Aber ja, das passiert auch heute noch. Auch einer Frau wie mir, die Jahre gebraucht hat, um sich selbst so richtig toll zu finden, das nun endlich von Herzen und voller Überzeugung tut und überall von Selbstliebe spricht. Denn das ist normal. Wir alle wollen geliebt werden. Wollen, dass uns unser Gegenüber mag, schön und als liebenswert erachtet. Wir alle sind schon immer stärker zusammen, lieben die Gemeinschaft und die Verbindung zwischen uns und anderen Menschen.

Was mir aber erst später bewusst wurde, obwohl ich es rational bereits vorher wusste: auch Ablehnung ist normal, nicht nur das Bedürfnis, gemocht zu werden. Ablehnung ist allgegenwärtig und sogar notwendig. Wenn wir in einer Blase leben, in  der  wir  uns  nur noch mit Menschen und Dingen umgeben, die unsere Meinung, unseren Geschmack und unsere Werte teilen, dann ist das zwar angenehmer. Aber es stellt nun einmal nicht die gesamte Breite der Realität dar. Immer wieder stelle ich fest, dass es sogar Kritik oder Ablehnung sind, die mich weiterbringen. Das klingt leider wie ein Abreißspruch eines kitschigen Kalenders und außerdem wissen wir das alle ja bereits. Aber es ist wahr. Ich lebe für die angenehmen, unbeschwerten Stunden, keine Frage. Aber möglich werden diese oft erst durch große Hürden. Und dazu zähle ich auch Ablehnung und zumindest destruktive Kritik. Gelernt habe ich jedoch auch in diesem Fall viele Dinge, die gleichzeitig die Bauchtipps sind, die ich dir dieses Mal mit auf den Weg geben möchte:

  1. Es ist ok, wenn dich Kommentare wütend, traurig oder geschockt zurück Du musst nicht immer über den Dingen stehen. Das Ziel ist nicht, dass dir alles egal wird, sondern dass du lernst mit Hürden umzugehen und etwas daraus lernst.
  2. Nimm dir so oft wie es nur geht Zeit dafür, deine Gefühle ehrlich und ausführlich zu betrachten. Was genau macht dich so emotional? Hat es was mit den Anderen oder vielleicht sogar mit dir selbst zu tun (das ist nämlich gar nicht so selten)? Analysiere Personen, Orte und deine eigene Grundstimmung und überlege dir, wie du dich in Zukunft unter Umständen besser davor schützen kannst, dich schlecht zu fühlen. Verlasse Situationen, die dir langfristig Kummer bereiten.
  3. Erkenne an, dass es vollkommen ok ist, wenn jemand anders denkt und fühlt als du. Es wäre eigenartig, wenn dich tatsächlich jede(r) großartig fände. Um es mit den Worten meines Phsyiklehrers aus der 11. Klasse zu sagen: „Manche Dinge musst du einfach nehmen wie Sie sind zwar da und regnen auf dich ein, aber haben eigentlich gar nichts mit dir zu tun und sollten deshalb schnellstmöglich wieder abperlen.“

Deswegen sage ich dir heute nur eins, du kleiner, gemeiner Troll: ich bin genau so wenig oder vollkommen perfekt wie du. Und ja, irgendwie hätte ich es lieber gemocht, wenn du mich so richtig toll gefunden hättest. Im Grunde genommen ist es aber ganz egal, was du denkst, weil ich in den Spiegel schaue und mich toll finde. Das ist das Einzige was zählt.

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